Das Wichtigste in Kürze
- Definition: Negative Strompreise entstehen an der Strombörse, wenn das Stromangebot aus Wind und Photovoltaik die Nachfrage übersteigt und Erzeuger für die Einspeisung bezahlen statt eine Vergütung zu erhalten.
- Häufigkeit 2025: Die Bundesnetzagentur zählt 573 Stunden mit negativem Day-Ahead-Preis im Jahr 2025 gegenüber 457 Stunden im Jahr 2024.
- Preisuntergrenze 2026: Seit dem 29. Mai 2026 gilt an der Strombörse EPEX Spot eine Untergrenze von −600 €/MWh statt zuvor −500 €/MWh.
- Vergütungsausfall statt Förderkürzung: Nach § 51 EEG entfällt die Einspeisevergütung bei negativem Preis vollständig — bei Neuanlagen ab der ersten Stunde, bei Bestandsanlagen ab einer schrittweise sinkenden Mindestdauer; § 51a EEG verlängert dafür den Förderzeitraum.
- Dynamische Tarife Pflicht: Seit dem 1. Januar 2025 muss jeder Stromlieferant nach § 41a EnWG einen dynamischen Tarif anbieten, der Negativpreis-Stunden an Verbraucher weitergibt.
- Smart-Meter-Lücke: Nur 5,5 % der Zählpunkte in Deutschland waren Ende 2025 mit einem intelligenten Messsystem ausgestattet — die Voraussetzung für dynamische Tarife fehlt bei den meisten Haushalten noch.
- Nutzen für Anlagenbetreiber: Ein Batteriespeicher mit Preissignal-Steuerung reduziert die Zahl wirtschaftlich verlorener Einspeisestunden, ein dynamischer Tarif senkt die Stromkosten um 10 bis 35 % gegenüber dem Grundversorgerpreis.
Was sind negative Strompreise und wie funktionieren sie?
Negative Strompreise sind Börsenpreise für Strom, die unter null Euro fallen, weil Erzeuger für die Einspeisung ins Netz bezahlen statt eine Vergütung zu erhalten. Der Mechanismus tritt an der Strombörse EPEX Spot im Day-Ahead-Handel auf, wenn das Angebot aus Wind- und Solarstrom die Nachfrage deutlich übersteigt. Kraftwerksbetreiber akzeptieren dabei einen negativen Preis, weil das Abschalten und erneute Hochfahren einer Anlage teurer wäre als der kurzzeitige Verlust. Von einem positiven Höchstpreis, der bei Knappheit entsteht, unterscheidet sich das Phänomen durch die entgegengesetzte Ursache: Nicht zu wenig, sondern zu viel Erzeugung trifft auf zu wenig Nachfrage. Die Bundesnetzagentur registrierte dafür 573 Stunden im Jahr 2025, in denen der deutsche Day-Ahead-Preis unter null lag.
Wie entstehen negative Strompreise durch Merit-Order und Residuallast?
Negative Strompreise entstehen, wenn die Residuallast gegen null oder darunter fällt und Kraftwerke mit fixen Abschaltkosten weiter einspeisen. Die Strombörse ordnet Kraftwerke nach dem Merit-Order-Prinzip: Erzeuger mit den niedrigsten Grenzkosten — Wind- und Solaranlagen mit Grenzkosten nahe null — kommen zuerst zum Zug, teure fossile Kraftwerke zuletzt. Übersteigt die Einspeisung aus Wind und Photovoltaik die Nachfrage, sinkt der Markträumungspreis unter null, weil unflexible Kraftwerke lieber draufzahlen als vom Netz zu gehen.
Residuallast = Stromnachfrage − (Windeinspeisung + Photovoltaikeinspeisung)
Wo:
- Stromnachfrage: Gesamter Strombedarf in einer Marktzeiteinheit, in Megawattstunden (MWh)
- Windeinspeisung: Erzeugte Strommenge aus Windkraftanlagen an Land und auf See, in MWh
- Photovoltaikeinspeisung: Erzeugte Strommenge aus Solaranlagen, in MWh
Beispiel: sonniger Feiertag mit hoher Einspeisung
Gegeben: Bundesweite Stromnachfrage von 45.000 MWh in einer Stunde, Wind- und PV-Einspeisung von zusammen 52.000 MWh
Berechnung: 45.000 MWh − 52.000 MWh = −7.000 MWh Residuallast
Ergebnis: Eine negative Residuallast von 7.000 MWh zeigt einen Erzeugungsüberschuss, der die Börse mit einem negativen Preis räumt — wie am 1. Mai 2026, als der Preis auf −499,99 €/MWh fiel.
Der Anteil erneuerbarer Energien an der deutschen Stromerzeugung erreichte 2025 58,8 % (Bundesnetzagentur) und lag an der inländischen Stromerzeugung im ersten Quartal 2026 laut Statistischem Bundesamt bei 53,3 %. Mit steigendem Ausbau von Wind- und Solarleistung wächst die Häufigkeit von Stunden mit Erzeugungsüberschuss strukturell weiter.
Innerhalb der Merit-Order bestimmt die Reihenfolge der Grenzkosten, welches Kraftwerk in einer Stunde den Preis setzt. Laufwasserkraft, Windkraft und Photovoltaik speisen mit Grenzkosten nahe null zuerst ein, Braunkohle- und Steinkohlekraftwerke folgen mit mittleren Grenzkosten, Gaskraftwerke bilden wegen ihrer Brennstoffkosten meist das teure Ende der Reihenfolge.
Einsatzreihenfolge der Kraftwerkstypen in der Merit-Order nach Grenzkosten
Rang | Erzeugungstyp | Grenzkosten-Niveau |
1 | Windkraft und Photovoltaik | nahe 0 €/MWh |
2 | Laufwasserkraft | niedrig |
3 | Braunkohlekraftwerke | mittel |
4 | Steinkohlekraftwerke | hoch |
mittel bis hoch |
5 | Gaskraftwerke | hoch |
Negative Preise konzentrieren sich laut den Fachlexikon-Erläuterungen von Next Kraftwerke auf Mittagsstunden mit hoher Solareinstrahlung sowie auf Wochenenden und Feiertage, an denen die Industrienachfrage niedrig ausfällt und die Residuallast am stärksten sinkt.
Wie oft gab es 2025 und 2026 negative Strompreise in Deutschland?
Im Jahr 2025 registrierte die Bundesnetzagentur 573 Stunden mit negativem Day-Ahead-Preis, ein Anstieg von 457 Stunden im Jahr 2024 und 301 Stunden im Jahr 2023. Der durchschnittliche Day-Ahead-Preis lag 2025 bei 89,32 €/MWh. Für das erste Halbjahr 2026 existiert noch keine amtliche Bundesnetzagentur-Zahl, da die Behörde nur jährlich veröffentlicht. Sekundäre Auswertungen nennen je nach Zählmethode 294,5 bis 299 Stunden: EPEX Spot meldet 298 Stunden, die Bundesnetzagentur (SMARD) auf Basis der Viertelstunden-Rohdaten 299 Stunden, eine quartalsweise Aufsummierung der negativen Viertelstunden durch den Anbieter Rabot Energy ergibt 294,5 Stunden. Die Differenz entsteht durch die Umstellung des Day-Ahead-Handels auf 15-Minuten-Intervalle im Oktober 2025 und die unterschiedliche Zählweise der einzelnen Anbieter.
Entwicklung der Stunden mit negativem Day-Ahead-Strompreis in Deutschland 2023 bis 2026
Jahr | Negative-Preis-Stunden | Veränderung zum Vorjahr |
2023 | 301 Stunden | — |
2024 | 457 Stunden | +156 Stunden |
2025 | 573 Stunden | +116 Stunden |
H1 2026 (Bandbreite, nicht amtlich) | 294,5–299 Stunden | Methodikbedingte Spanne, kein Jahreswert |
Welche Preisuntergrenze gilt an der Strombörse?
An der Strombörse EPEX Spot gilt seit dem 29. Mai 2026 eine Preisuntergrenze von −600 €/MWh im Day-Ahead-Handel. Zuvor lag die europaweit harmonisierte Untergrenze nach der CACM-Verordnung (EU) 2015/1222 bei −500 €/MWh. Die EU-weite Regelung legt für beide Seiten der Preisspanne eine Grenze fest: Der harmonisierte Höchstpreis liegt EU-weit unverändert bei 4.000 €/MWh. Die Anhebung der Untergrenze 2026 schafft mehr Raum, damit der Markt Erzeugungsüberschüsse abbilden kann, ohne technische Preisgrenzen künstlich zu erreichen.
Preisgrenzen im deutschen und europäischen Day-Ahead-Stromhandel
Preisgrenze | Wert bis 28.05.2026 | Wert ab 29.05.2026 |
Preisuntergrenze | −500 €/MWh | −600 €/MWh |
Preisobergrenze | 4.000 €/MWh | 4.000 €/MWh (unverändert) |
Was bedeutet § 51 EEG für die PV-Einspeisevergütung?
§ 51 EEG streicht die Einspeisevergütung für Photovoltaikanlagen vollständig in jeder Stunde mit negativem Day-Ahead-Preis, sobald die geltende Mindestdauer erreicht ist — bei Neuanlagen ab der ersten Stunde, bei Bestandsanlagen erst ab der im folgenden Abschnitt beschriebenen, schrittweise sinkenden Schwelle. Der gesetzliche Vergütungsanspruch entfällt für die gesamte Dauer der Negativpreis-Phase, unabhängig von der eingespeisten Strommenge. Für eine Anlage im Referenz-Szenario mit 10 kWp Leistung bedeutet eine einzelne Negativpreis-Stunde bei der aktuellen Teileinspeisungs-Vergütung von 7,70 Cent/kWh (Stand August 2026, Neuanlagen bis 10 kWp) einen Ausfall der Vergütung für die in dieser Stunde eingespeiste Strommenge.
Vergütungsausfall = Ausfallstunden × eingespeiste Leistung × EEG-Vergütungssatz
Wo:
- Ausfallstunden: Anzahl der Stunden mit negativem Day-Ahead-Preis im Betrachtungszeitraum
- Eingespeiste Leistung: Von der Anlage ins Netz eingespeiste Strommenge in kWh
- EEG-Vergütungssatz: Gesetzlich festgelegter Vergütungssatz in Cent/kWh
Beispiel: 10-kWp-PV-Anlage aus dem Referenz-Szenario
Gegeben: 573 Negativpreis-Stunden im Jahr 2025, durchschnittliche Einspeisung von 4 kWh je Stunde in dieser Anlagengröße, Vergütungssatz 7,70 Cent/kWh
Berechnung: 573 Stunden × 4 kWh × 0,0770 €/kWh = 176 € entgangene Vergütung im Jahr
Ergebnis: Der rechnerische Vergütungsausfall liegt bei rund 176 € für 2025 — ein Betrag, den § 51a EEG über eine verlängerte Förderdauer teilweise ausgleicht.
Wie funktioniert der Kompensationsmechanismus nach § 51a EEG?
§ 51a EEG gleicht entgangene Vergütung aus Negativpreis-Stunden aus, indem er den 20-jährigen EEG-Förderzeitraum um die Anzahl der betroffenen Stunden verlängert. Statt einer rückwirkenden Zahlung erhält die Anlage ihre Vergütung für zusätzliche Betriebsstunden am Ende der regulären Förderdauer. Der Mechanismus verschiebt damit den Zeitpunkt der Förderung auf das Ende der Anlagenlebensdauer, gleicht den Ausfall bei Solaranlagen aber nur teilweise aus: § 51a Abs. 2 EEG rechnet die ausgefallenen Viertelstunden bei PV-Anlagen mit dem Faktor 0,5 in die Verlängerung ein, sodass nur die Hälfte der entgangenen Zeit nachgeholt wird.
Was ändert das Solarspitzengesetz für Bestandsanlagen?
Für Neuanlagen über 2 kWp verschärft das Solarspitzengesetz seit dem 25. Februar 2025 die Nullvergütungsregel auf die erste Negativpreis-Stunde ohne Bagatellgrenze. Bestandsanlagen aus der Zeit davor durchlaufen weiterhin die aus dem EEG 2023 stammende gestaffelte Übergangsregelung, die die vergütungsfreie Mindestdauer je Negativpreis-Ereignis schrittweise verkürzt.
Übergangsfristen der Nullvergütungsdauer für Bestandsanlagen (EEG-2023-Regelung, fortgeführt im Solarspitzengesetz-Zeitraum)
Jahr | Vergütungsfreie Mindestdauer je Negativpreis-Ereignis |
2025 | 3 Stunden |
2026 | 2 Stunden |
2027 | 1 Stunde |
Für Anlagen über 2 kWp, die nach dem 25. Februar 2025 in Betrieb genommen wurden, gilt die volle Nullvergütungsregel nach § 51 EEG ab der ersten Negativpreis-Stunde ohne diese Übergangsfrist.
Muss jeder Haushalt einen dynamischen Stromtarif bekommen?
Der Wechsel in einen dynamischen Tarif bleibt für Haushalte freiwillig, denn die Angebotspflicht nach § 41a EnWG verpflichtet ausschließlich Stromlieferanten, nicht Letztverbraucher. Jeder Stromlieferant in Deutschland muss deshalb seit dem 1. Januar 2025 mindestens einen dynamischen Tarif anbieten, der die Börsenpreise inklusive Negativpreis-Stunden an Letztverbraucher weitergibt. Laut einer Erhebung des Verbraucherzentrale Bundesverbands (vzbv) kennen rund 53 % beziehungsweise etwa 19 Millionen Haushalte dynamische Tarife nicht. Der ADAC beziffert das Einsparpotenzial eines dynamischen Tarifs gegenüber dem Grundversorgerpreis auf 10 bis 35 %, abhängig davon, wie flexibel ein Haushalt Verbrauch in günstige Zeitfenster verschiebt.
Ein Haushalt ohne steuerbare Verbraucher wie Wärmepumpe, Wallbox oder Batteriespeicher realisiert das obere Ende dieser Spanne in der Praxis kaum, da die Verschiebung von Grundlast wie Kühlschrank oder Beleuchtung technisch eng begrenzt ist. Der wirtschaftliche Vorteil eines dynamischen Tarifs steigt direkt mit der Zahl steuerbarer Geräte im Haushalt.
Wie lässt sich von negativen Strompreisen profitieren?
Von negativen Strompreisen profitiert, wer steuerbare Verbraucher wie Batteriespeicher, Wallbox und Wärmepumpe gezielt in Stunden mit niedrigem oder negativem Preis betreibt. Im
Referenz-Szenario mit 10-kWp-PV-Anlage, 8-kWh-Speicher,
Wärmepumpe und Wallbox verschiebt ein dynamischer Tarif den Ladezeitpunkt automatisch in Zeitfenster mit negativem Preis.
Batteriespeicher preisgesteuert laden
Ein Batteriespeicher lädt bei negativem Preis Strom aus dem Netz statt nur aus der eigenen PV-Anlage und speist ihn später ein, wenn der Preis wieder positiv ist. Der deutsche Gesamtbestand an Batteriespeichern (Heim-, Gewerbe- und Großspeicher) lag laut BSW-Solar im ersten Quartal 2026 bei rund 28 GWh und 2,5 Millionen Anlagen.
Wallbox mit Nachtladung koppeln
Eine Wallbox mit dynamischem Tarif lädt ein Elektrofahrzeug bevorzugt in Niedrigpreis- und Negativpreis-Fenstern. Laut einer vom ADAC zitierten Studie des Beratungsunternehmens Neon ist durch Laden im Zeitfenster zwischen 22 und 6 Uhr eine Ersparnis von über 80 % gegenüber dem sofortigen Laden zum Festpreis möglich.
Wärmepumpe steuerbar betreiben
Eine Wärmepumpe gilt nach § 14a EnWG als steuerbare Verbrauchseinrichtung und kann Heizzyklen in Stunden mit negativem Preis vorziehen. Ein Pufferspeicher gibt die thermische Energie zeitversetzt ab und hält so den Wärmekomfort ohne Unterbrechung aufrecht.
Einsparpotenzial steuerbarer Verbraucher im Vergleich zum unflexiblen Betrieb
Verbraucher | Steuerungsprinzip | Einsparpotenzial |
Dynamischer Tarif allgemein | Lastverschiebung nach Börsenpreis | 10–35 % ggü. Grundversorgerpreis |
Wallbox | Laden in Niedrig-/Negativpreisfenstern | über 80 % ggü. Sofortladen zum Festpreis (Neon-Studie) |
Batteriespeicher | Netzladung bei Negativpreis, Einspeisung bei Positivpreis | abhängig von Speichergröße, keine Einzelquote verfügbar |
Ist ein Smart Meter für dynamische Tarife notwendig?
Ein intelligentes Messsystem (Smart Meter) ist die technische Voraussetzung für einen dynamischen Tarif, weil nur es viertelstundengenaue Verbrauchsdaten für die Abrechnung nach Börsenpreis liefert. Ende 2025 waren nach Daten der Bundesnetzagentur erst 5,5 % aller Zählpunkte in Deutschland mit einem Smart Meter ausgestattet, während die Quote bei den gesetzlichen Pflichtfällen mit 23,3 % über dem Zielwert von 20 % lag. Das Messstellenbetriebsgesetz (MsbG) setzt als Zielmarke einen Rollout von 90 % der gesetzlichen Pflichteinbaufälle bis zum 31. Dezember 2032.
Rollout-Stand intelligenter Messsysteme in Deutschland Ende 2025
Kennzahl | Wert Ende 2025 | Gesetzliche Zielmarke |
Smart-Meter-Quote gesamt | 5,5 % | 90 % der Pflichteinbaufälle bis 31.12.2032 |
Quote in Pflichteinbaufällen | 23,3 % | 20 % |
Welche Rolle spielt der Kapazitätsmarkt nach dem StromVKG?
Der neue Kapazitätsmarkt nach dem StromVKG sichert seit dem 22. Juli 2026 gesteuerte Erzeugungs- und Flexibilitätsleistung ab, um Stunden mit Erzeugungsüberschuss und Stunden mit Knappheit gleichermaßen systemstabil zu halten. Die erste Ausschreibungsrunde umfasst ein Volumen von 4,5 GW mit Gebotstermin am 8. September 2026, eine zweite Runde folgt am 29. Dezember 2026 mit weiteren 4,5 GW — zusammen 9 GW im Jahr 2026. Der Kapazitätsmarkt ergänzt den bestehenden Energy-Only-Markt, an dem die Day-Ahead-Preise gebildet werden, um einen zusätzlichen Vergütungsmechanismus für gesicherte Leistung und Flexibilität — unabhängig vom stündlichen Börsenpreis.
Für Betreiber von Batteriespeichern öffnet der Kapazitätsmarkt einen zweiten Erlösweg neben der Preisarbitrage am Day-Ahead-Markt: Eine Anlage, die im StromVKG-Ausschreibungsverfahren gesicherte Leistung anbietet, erhält eine Vergütung für ihre Verfügbarkeit zusätzlich zu den Erlösen aus dem Laden bei negativem und Entladen bei positivem Preis. Das Marktdesign zielt damit direkt auf die Ursache negativer Preise: zu wenig steuerbare Flexibilität gegenüber einem hohen Anteil wetterabhängiger Erzeugung.
Welche Nachteile und Risiken haben negative Strompreise?
Negative Strompreise bergen drei zentrale Risiken: steigende Redispatch-Kosten für Netzbetreiber, Einnahmeausfälle für Anlagenbetreiber und Marktverzerrung durch unflexible Erzeugung.
Risiko 1: Steigende Redispatch-Kosten
Erzeugungsüberschüsse erzwingen häufigere Netzeingriffe, die die Netzbetreiber teuer bezahlen. Die Bundesnetzagentur registrierte im ersten Quartal 2026 Redispatch-Kosten von 784 Millionen Euro, ein Rückgang von 11 % gegenüber dem ersten Quartal 2025 durch verbesserte Netzengpassbewirtschaftung. Prävention: Netzausbau und regionale Flexibilitätsmärkte reduzieren den Bedarf an kurzfristigen Eingriffen.
Risiko 2: Einnahmeausfall für Anlagenbetreiber
PV- und Windanlagenbetreiber
verlieren nach § 51 EEG die Vergütung für jede Negativpreis-Stunde vollständig, was die Wirtschaftlichkeitsrechnung einer Anlage ohne Speicher verschlechtert. Prävention: Ein
Batteriespeicher verschiebt die Einspeisung in Stunden mit positivem Preis und reduziert den wirtschaftlichen Verlust aus Negativpreis-Phasen.
Risiko 3: Marktverzerrung durch unflexible Erzeugung
Kraftwerke ohne Flexibilität speisen auch bei negativem Preis weiter ein, weil ein Abschalten teurer wäre, was die Preisspitzen nach unten verstärkt. Prävention: Der Kapazitätsmarkt nach dem StromVKG und der weitere Ausbau von Speicherkapazität verringern die Zahl unflexibler Erzeuger im Markt.
Die Kosten aus vermehrten Netzeingriffen fließen über die Netzentgelte in die Stromrechnung aller Letztverbraucher ein, unabhängig davon, ob ein Haushalt selbst PV-Strom erzeugt. Damit trägt der strukturelle Anstieg negativer Preisstunden eine systemweite Kostenkomponente, die sich nicht auf Anlagenbetreiber beschränkt.
Wie entwickelt sich die Zahl negativer Preisstunden künftig?
Ob dieser Trend sich fortsetzt, hängt vom Tempo des Flexibilitätsausbaus ab. Nach einer Modellrechnung des Fraunhofer IEE reduziert ein Ausbau von 20 GW Speicherleistung mit 4 Stunden Speicherdauer die Zahl der Negativpreis-Stunden um 70 % gegenüber dem Ausbaupfad ohne zusätzliche Flexibilität und spart dem Gesamtsystem rechnerisch 3,9 Milliarden Euro pro Jahr. Mit dem weiteren Ausbau von Speicherkapazität und Flexibilität sinkt zugleich der Anteil der Stunden, in denen ein konventionelles Kraftwerk den Preis setzt, strukturell weiter.
Ausbaustand erneuerbarer Erzeugungskapazität in Deutschland Ende 2025
Technologie | Installierte Leistung Ende 2025 |
Photovoltaik | 117 GW |
Windkraft an Land | 68,1 GW |
Häufige Fragen zu negativen Strompreisen
Wie lange kann ein negativer Strompreis andauern?
Ein negativer Strompreis dauert so lange, wie das Erzeugungsangebot aus Wind und Photovoltaik die Nachfrage übersteigt — üblich sind einzelne Stunden, an sonnenreichen Tagen mit Feiertagslast auch mehrere zusammenhängende Stunden wie am 1. Mai 2026 mit einem Tiefstpreis von −499,99 €/MWh.
Betrifft § 51 EEG auch Balkonkraftwerke?
Balkonkraftwerke unterhalb der Bagatellgrenze des Solarspitzengesetzes von 2 kWp fallen nicht unter die verschärfte Nullvergütungsregel für größere Neuanlagen, da das Gesetz ausdrücklich an dieser Leistungsschwelle ansetzt.
Zahlt man bei negativem Strompreis drauf, um Strom zu verbrauchen?
Bei einem dynamischen Tarif sinkt der Arbeitspreis in Negativpreis-Stunden, bleibt aber wegen Netzentgelten, Steuern und Umlagen in der Praxis meist über null; nur der reine Börsenpreisanteil wird negativ, nicht zwingend der Gesamtpreis.
Wie oft wird ein Batteriespeicher bei Negativpreisen tatsächlich genutzt?
Die Nutzungshäufigkeit hängt von der Steuerungssoftware und der Speichergröße ab; eine belastbare Einzelquote für den deutschen Gesamtbestand liegt nicht vor, während der Gesamtbestand aller Batteriespeicher-Segmente 2026 bei rund 28 GWh lag.
Gilt die neue Preisuntergrenze von −600 €/MWh auch rückwirkend?
Die Preisuntergrenze von −600 €/MWh gilt ab dem Inkrafttreten am 29. Mai 2026 und wirkt nicht rückwirkend auf zuvor gehandelte Zeiträume mit der alten Untergrenze von −500 €/MWh.
Muss ich als Mieter mit dynamischem Tarif einen Smart Meter selbst bezahlen?
Der Einbau eines intelligenten Messsystems erfolgt im Rahmen des gesetzlichen Rollouts durch den grundzuständigen Messstellenbetreiber; das MsbG reguliert die Kosten unabhängig von einer freien Preisverhandlung mit dem Mieter.
Für wen lohnt sich Eigenverbrauch und Speicher trotz negativer Strompreise?
Eigenverbrauch und Speicher lohnen sich für Haushalte mit steuerbaren Verbrauchern wie Wärmepumpe oder Wallbox, die Lastverschiebung technisch nutzen können; für Haushalte ohne solche Verbraucher bleibt der Zusatznutzen eines dynamischen Tarifs begrenzt.
Entscheidungsmatrix: Eignung von Speicher und dynamischem Tarif nach Haushaltsprofil
Profil | Ausstattung | Empfehlung |
Bestandsanlage mit PV, ohne Speicher | 10-kWp-PV-Anlage, kein Speicher, kein Smart Meter | Nachrüstung eines Batteriespeichers prüfen, um Vergütungsausfall aus § 51 EEG durch Eigenverbrauch zu senken |
Haushalt mit Wärmepumpe und Wallbox | Steuerbare Verbraucher nach § 14a EnWG, Smart Meter vorhanden | Wechsel in dynamischen Tarif, da Einsparpotenzial von 10–35 % ggü. Grundversorgerpreis direkt nutzbar ist |
Mietwohnung ohne eigene Erzeugung | Kein PV, kein steuerbarer Verbraucher, kein Smart Meter | Dynamischer Tarif ohne Lastverschiebungsmöglichkeit bringt kaum Vorteil gegenüber Festpreistarif |
Neubau mit PV, Speicher, Wärmepumpe und Wallbox | Vollausstattung aus dem Referenz-Szenario | Kombination aus dynamischem Tarif und preisgesteuertem Speicher nutzt Negativpreis-Stunden am umfassendsten |