Das Wichtigste in Kürze
- Ertrag Nordseite: Eine nach Norden ausgerichtete PV-Anlage erreicht je nach Dachneigung 44 bis 85 Prozent des Ertrags einer optimalen Südanlage – am Standort Frankfurt 473 bis 908 kWh/kWp gegenüber 1.075 kWh/kWp Süd (PVGIS).
- Neigungswinkel entscheidet: Flach ist gut, steil ist schlecht. Bei 10° Neigung liefert das Norddach 76 Prozent, bei 45° nur noch 44 Prozent des Südertrags.
- Vergütung gleich: Die Einspeisevergütung von 7,78 ct/kWh (Teileinspeisung bis 10 kWp, Stand Juli 2026) gilt unabhängig von der Dachausrichtung – Nordstrom wird wie Südstrom bezahlt.
- Wirtschaftlichkeit: Durch gesunkene Systempreise von rund 1.015 €/kWp amortisiert sich eine 10-kWp-Nordanlage im Referenzfall in etwa 11 Jahren – der Eigenverbrauch ist der Hebel, nicht die Einspeisung.
- Diffuslicht trägt Nord: Rund 50 Prozent der Globalstrahlung in Deutschland ist Diffusstrahlung – sie trifft Nordflächen fast so stark wie Südflächen und dämpft die Saisonschwankung.
- Grenzfall Steildach: Ab 40 bis 45° Neigung wird die reine Nordbelegung meist unwirtschaftlich; Süd- und Ost-West-Flächen werden immer zuerst belegt.
- Für wen sinnvoll: Für flache Norddächer, große ungenutzte Dachflächen mit Speicher und hohem Eigenverbrauch sowie als Ergänzung einer bereits vollen Südseite.
Was ist Photovoltaik auf der Nordseite und wie funktioniert sie?
Photovoltaik auf der Nordseite bezeichnet die Belegung eines nach Norden geneigten Daches (Azimut 180°) mit Solarmodulen. Solche Module empfangen kein direktes Mittagslicht, sondern leben überwiegend von Diffusstrahlung und erreichen deshalb einen geringeren, aber gleichmäßigeren Ertrag.
Eine
Photovoltaikanlage wandelt Sonnenstrahlung über den photovoltaischen Effekt in Gleichstrom um, den ein Wechselrichter in netzkonformen Wechselstrom überführt. Der Ertrag hängt von der eingestrahlten Energie auf die Modulfläche ab, und diese Einstrahlung bestimmt der Sonnenstand. In Deutschland (47° bis 55° nördlicher Breite) steht die Sonne mittags immer im Süden. Eine nach Norden geneigte Fläche ist der direkten Mittagsstrahlung damit abgewandt.
Die Globalstrahlung, also die gesamte auf eine Horizontalfläche treffende Sonnenenergie, setzt sich aus zwei Anteilen zusammen: der
Direktstrahlung aus Richtung der Sonne und der
Diffusstrahlung, die von Wolken und Atmosphäre in alle Richtungen gestreut wird. Nach Messreihen des Deutschen Wetterdienstes macht die Diffusstrahlung rund 50 Prozent der Globalstrahlung aus – 2023 waren es 572 von 1.144 kWh/m². Genau
dieser diffuse Anteil trifft ein Norddach nahezu unvermindert und macht Nord-Photovoltaik überhaupt sinnvoll.
Der Unterschied zur Ost-West-Anlage ist wesentlich: Ost- und Westflächen fangen im Tagesverlauf noch direkte Morgen- beziehungsweise Abendsonne ein und erreichen 80 bis 90 Prozent des Südertrags. Die reine Nordfläche verzichtet bei steiler Neigung fast vollständig auf Direktlicht und bleibt deshalb der schwächste, aber keineswegs ein wertloser Standort.
Wie viel Ertrag bringt eine PV-Anlage auf der Nordseite?
Eine PV-Anlage auf der Nordseite bringt am mitteldeutschen Referenzstandort 473 bis 908 kWh/kWp pro Jahr, abhängig von der Dachneigung. Das entspricht 44 bis 85 Prozent des Ertrags einer optimal nach Süden ausgerichteten Anlage mit 1.075 kWh/kWp.
Diese Werte stammen aus einer direkten Simulation mit dem PVGIS-Tool der EU-Kommission (Joint Research Centre) für den Standort Frankfurt am Main (50,1° N), Datenbasis PVGIS-SARAH2 der Jahre 2005 bis 2020, 1 kWp kristallines Silizium, 14 Prozent Systemverluste. Der relative Ertrag berechnet sich als Verhältnis zum Süd-Optimum:
Relativer Ertrag = ENord ÷ ESüd,optimal × 100 %
- ENord = Jahresertrag der Nordanlage in kWh/kWp
- ESüd,optimal = Jahresertrag der optimalen Südanlage (35° Neigung) in kWh/kWp, hier 1.075 kWh/kWp
Beispiel: Norddach 30°, Standort Frankfurt
Gegeben: ENord = 617 kWh/kWp, ESüd,optimal = 1.075 kWh/kWp
Berechnung: 617 ÷ 1.075 × 100 % = 57,4 %
Ergebnis: Das 30°-Norddach erreicht 57 Prozent des Südoptimums – gut die Hälfte, aber weit mehr als die oft genannten „nur 50 Prozent".
Reale Messwerte bestätigen die Simulation. Das Auswertungsportal EchtSolar wertete 443 nach Norden ausgerichtete Anlagen aus und ermittelte für die Jahre 2011 bis 2024 einen mittleren spezifischen Ertrag von 734 kWh/kWp für Nord, gegenüber 983 kWh/kWp für Süd, 906 kWh/kWp für West und 903 kWh/kWp für Ost. Der Nordwert liegt damit bei rund 75 Prozent des gemessenen Südwerts – höher als die reine Steildach-Simulation, weil viele reale Norddächer flach geneigt sind.
Absolut gerechnet erzeugt eine 10-kWp-Anlage auf einem 30°-Norddach am Referenzstandort rund 6.170 kWh pro Jahr. Über die 20-jährige Vergütungsdauer summiert sich das auf mehr als 120.000 kWh – Strom, der ohne die Nordbelegung ungenutzt bliebe.
Welchen Einfluss hat der Neigungswinkel von 10° bis 45° auf den Nordertrag?
Der Neigungswinkel ist bei Nordausrichtung der wichtigste Ertragsfaktor: Je flacher das Dach, desto höher der Ertrag. Ein Norddach mit 10° Neigung erreicht 76 Prozent des Südoptimums, ein Norddach mit 45° Neigung nur noch 44 Prozent.
Der Grund liegt in der Geometrie: Bei geringer Neigung zeigt die Modulfläche fast senkrecht nach oben und fängt Diffuslicht aus dem gesamten Himmel sowie das hoch stehende Sommerlicht ein. Mit zunehmender Neigung kippt die Fläche nach Norden weg und wendet sich der Sonne aktiv ab. Bei 0° Neigung (Flachdach) spielt die Ausrichtung keine Rolle mehr – das Modul liegt waagerecht und erreicht 85 Prozent des Optimums, egal ob es formal „nach Norden" zeigt.
Jahresertrag einer Nordanlage (Azimut 180°) nach Dachneigung am Standort Frankfurt, simuliert mit PVGIS (JRC), im Vergleich zum Süd-Optimum von 1.075 kWh/kWp.
Dachneigung | Ertrag (kWh/kWp) | Anteil am Süd-Optimum | 10-kWp-Anlage pro Jahr |
|---|
20-Jahres-Summe (10 kWp) |
|---|
0° (Flachdach) | 908 kWh/kWp | 85 % | 9.080 kWh | 181.600 kWh |
10° | 814 kWh/kWp | 76 % | 8.140 kWh | 162.800 kWh |
15° | 764 kWh/kWp | 71 % | 7.640 kWh | 152.800 kWh |
20° | 715 kWh/kWp | 67 % | 7.150 kWh | 143.000 kWh |
25° | 666 kWh/kWp | 62 % | 6.660 kWh | 133.200 kWh |
30° | 617 kWh/kWp | 57 % | 6.170 kWh | 123.400 kWh |
35° | 568 kWh/kWp | 53 % | 5.680 kWh | 113.600 kWh |
40° | 520 kWh/kWp | 48 % | 5.200 kWh | 104.000 kWh |
45° | 473 kWh/kWp | 44 % | 4.730 kWh | 94.600 kWh |
Die Tabelle beantwortet die häufigsten Winkelfragen direkt: Ein 22°-Norddach liegt zwischen den Zeilen 20° und 25° bei rund 65 Prozent, ein 35°-Norddach bei 53 Prozent. Für die Praxis gilt die Faustregel: Bis etwa 20° Neigung ist der Nordnachteil moderat und die Belegung fast immer sinnvoll; ab 40° Neigung fällt der Ertrag unter die Hälfte und die Wirtschaftlichkeit wird fraglich.
Wie verhält sich die Nordanlage in Sommer und Winter?
Die Nordanlage zeigt eine kleinere Saisonschwankung als eine Südanlage: Im Sommer liegt ihr Ertrag deutlich niedriger als der einer Südanlage, im Winter nähern sich beide an. Das Winterhalbjahr (Oktober bis März) trägt rund 27 Prozent zum Jahresertrag bei, das Sommerhalbjahr 73 Prozent.
Zwei Effekte erklären das Verhalten. Erstens verschiebt sich der Sonnenaufgang im Sommer weit nach Norden: Zur Sommersonnenwende geht die Sonne bei fast 17 Stunden Tageslänge im Nordosten auf und im Nordwesten unter. Flache Norddächer erhalten dann morgens und abends direktes Licht. Im Winter geht die Sonne dagegen im Südosten auf und im Südwesten unter – die Nordfläche bekommt nur Diffuslicht. Zweitens dominiert im deutschen Winter ohnehin die Diffusstrahlung, die richtungsunabhängig ist; der Unterschied zwischen Nord und Süd fällt in dieser Zeit geringer aus.
Verteilung des PV-Jahresertrags in Deutschland auf Sommer- und Winterhalbjahr (Datenbasis Deutscher Wetterdienst und Hochschule Trier), übertragbar auf die Nordanlage mit gedämpfter Amplitude.
Zeitraum | Globalstrahlung | Anteil am Jahresertrag | 10-kWp-Nordanlage (30°) |
|---|
Sommerhalbjahr (Apr–Sep) | 845 kWh/m² | 73 % | ca. 4.500 kWh |
Winterhalbjahr (Okt–Mär) | 237 kWh/m² | 27 % | ca. 1.670 kWh |
Dezember + Januar | gering | rund 4 % | ca. 250 kWh |
Das Verhältnis von Sommer- zu Winterstrahlung beträgt rund 3,6 zu 1. In den Monaten Dezember und Januar liefert jede PV-Anlage nur rund vier Prozent des Jahresertrags – die Nordanlage bildet hier keine Ausnahme, fällt aber relativ zur Südanlage weniger stark ab, weil das dann vorherrschende Diffuslicht beide Ausrichtungen gleich trifft.
Lohnt sich Photovoltaik auf der Nordseite finanziell?
Photovoltaik auf der Nordseite lohnt sich finanziell, wenn der erzeugte Strom überwiegend selbst verbraucht wird. Bei gesunkenen Systempreisen von rund 1.015 €/kWp amortisiert sich eine 10-kWp-Nordanlage im Referenzfall in etwa 11 Jahren und arbeitet danach 9 Jahre oder länger im Gewinn.
Auch die weiteren Förder- und Steuervorteile gelten ausrichtungsunabhängig. Der Betrieb einer PV-Anlage bis 30 kWp auf einem Einfamilienhaus ist nach § 3 Nr. 72 EStG von der Einkommensteuer befreit. Der
Förderkredit KfW 270 finanziert bis zu 100 Prozent der Investition und enthält keine Vorgabe zur Dachausrichtung; der effektive Jahreszins wird bonitätsabhängig am Tag der Zusage festgelegt und beginnt 2026 bei rund 3,8 Prozent. Jede Neuanlage muss binnen eines Monats nach Inbetriebnahme im
Marktstammdatenregister eingetragen werden. Ohne Eintragung drohen der Verlust der Vergütung und ein Bußgeld nach § 95 EnWG.
Bei der Solarpflicht, die 2026 in der Mehrzahl der Bundesländer gilt, wirkt die Nordausrichtung umgekehrt: Eine ungünstige reine Nordlage zählt in mehreren Ländern als technischer Ausnahmegrund, der von der Pflicht befreien kann. Seit dem 25. Februar 2025 greift zudem das Solarspitzengesetz: Neue Anlagen ab 2 kWp erhalten in Phasen negativer Börsenstrompreise keine Vergütung, können die ausgefallenen Stunden nach § 51a EEG aber am Ende der Förderdauer nachholen. Weil Nordanlagen weniger scharfe Mittagsspitzen erzeugen, sind sie von dieser Kappung tendenziell seltener betroffen.
Welche Technik ist für die Nordseite optimal?
Für die Nordseite sind Module mit gutem Schwachlichtverhalten und eine getrennte MPP-Tracker-Führung optimal. Nord- und Südflächen dürfen niemals in einen gemeinsamen String am selben MPP-Tracker laufen, weil die schwächer bestrahlte Fläche sonst die stärkere herunterzieht.
Ein Wechselrichter regelt jeden Strang über einen Maximum-Power-Point-Tracker auf den optimalen Arbeitspunkt. Weil eine Nordfläche eine andere Strom-Spannungs-Kennlinie liefert als eine Südfläche, braucht jede Ausrichtung ihren eigenen MPP-Tracker. Zwei-Tracker-Geräte von SMA oder Fronius bedienen ein Nord-Süd-Dach direkt; bei mehr als zwei Ausrichtungen übernehmen Leistungsoptimierer oder Mikrowechselrichter die modulweise Regelung. Der Netzanschluss folgt der Norm VDE-AR-N 4105.
Beim Modultyp punkten moderne Zelltechnologien.
TOPCon-Module erreichen 2026 Wirkungsgrade von 22 bis 23 Prozent, Heterojunction-Module (HJT) 22 bis 24 Prozent; beide
arbeiten bei diffusem Licht effizienter als ältere PERC-Module und passen deshalb besonders gut auf Nordflächen. Die Qualität der Module ist über IEC 61215 (Bauartqualifikation) und ihr Schwachlichtverhalten über IEC 61853-1 genormt.
Bifaziale Module, die auch über die Rückseite Licht aufnehmen, bringen auf der Nordseite dagegen kaum Zusatzertrag: Bei dachbündiger Montage auf einem Schrägdach fehlt der helle Untergrund, und der beidseitige Mehrertrag bleibt unter 5 Prozent. Ihr Vorteil von bis zu 30 Prozent entfaltet sich nur bei aufgeständerter Montage über hellem Boden oder Schnee.
Der Wechselrichter darf
DC-seitig überdimensioniert werden: SMA und Fronius erlauben bis 150 Prozent, Huawei bis 200 Prozent Generatorleistung. Weil eine Nordanlage ihre Nennleistung ohnehin selten erreicht, sind die Abregelverluste (Clipping) mit unter 1 Prozent vernachlässigbar, und der
Wechselrichter kann kleiner und günstiger ausfallen.
Nord, Ost-West oder Süd – welche Ausrichtung ist die richtige?
Süd liefert den höchsten Ertrag, Ost-West den gleichmäßigsten Tagesverlauf, Nord den niedrigsten Ertrag. Für den Eigenverbrauch ist eine Ost-West-Anlage oft wirtschaftlicher als eine Südanlage, während die Nordseite erst nach Ausschöpfung der besseren Flächen an die Reihe kommt.
Eine Südanlage gilt mit 100 Prozent als Referenz und erzeugt eine hohe Mittagsspitze. Eine Ost-West-Anlage erreicht 80 bis 90 Prozent des Südertrags, verteilt die Erzeugung aber auf Morgen und Abend – dadurch steigt die Eigenverbrauchsquote ohne Speicher laut HTW Berlin von 25 bis 35 Prozent (Süd) auf 35 bis 45 Prozent (Ost-West). Die Nordfläche liefert 44 bis 85 Prozent je nach Neigung und ist damit die letzte Wahl, aber bei knapper Süd-Fläche eine echte Erweiterungsoption.
Vergleich der Dachausrichtungen nach relativem Jahresertrag und Eigenverbrauchsquote ohne Speicher (Datenbasis PVGIS und HTW Berlin, Standort Deutschland-Mitte).
Ausrichtung | Ertrag (Anteil Süd) | Eigenverbrauch ohne Speicher | Charakter |
|---|
Süd (30–35°) | 100 % | 25–35 % | höchster Ertrag, hohe Mittagsspitze |
Ost-West (30°) | 80–90 % | 35–45 % | gleichmäßig, hoher Eigenverbrauch |
Nord flach (10°) | 76 % | 25–35 % | überraschend gut bei flacher Neigung |
Nord steil (45°) | 44 % | 25–35 % | schwächster Standort |
Die Eigenverbrauchsquote ohne Speicher liegt bei der Nordseite laut HTW-Berlin-Simulation im selben Bereich wie bei Süd (25 bis 35 Prozent): Beide sind Ein-Richtungs-Belegungen ohne die zeitliche Streuung der Ost-West-Anlage. Erst ein Batteriespeicher hebt den Eigenverbrauch deutlich an.
Die Entscheidungslogik ist klar: Zuerst werden Süd- und Ost-West-Flächen belegt, weil sie den höchsten Ertrag je investiertem Euro liefern. Die Nordseite kommt hinzu, wenn diese Flächen ausgeschöpft sind, das Dach flach genug ist oder eine große ungenutzte Fläche in Kombination mit Speicher und hohem Eigenverbrauch vorliegt.
Welche Nachteile, Risiken und typischen Fehler hat Nord-Photovoltaik?
Die zentralen Nachteile der Nordseite sind der geringere Ertrag und die längere Amortisation; die häufigsten Fehler betreffen Verschaltung, Verschmutzung und Blendung. Fachgerechte Planung vermeidet jedes dieser Risiken.
Fehler 1: Nord- und Südmodule an einem MPP-Tracker
Symptom: Die Anlage bleibt spürbar unter der erwarteten Leistung, obwohl beide Dachflächen frei bestrahlt sind.
Folge: Das schwächer bestrahlte Nordmodul zwingt den gesamten String auf seinen niedrigen Arbeitspunkt – die Südmodule verlieren einen Teil ihrer Leistung durch Mismatch.
Prävention: Jede Ausrichtung erhält einen eigenen MPP-Tracker oder modulweise Optimierer; die Trennung von Nord- und Südstrang ist Pflicht.
Fehler 2: Zu flache Neigung ohne Reinigungskonzept
Symptom: Auf sehr flach montierten Modulen (unter 7° Neigung) sammeln sich Laub, Staub und Moos.
Folge: Regenwasser fließt nicht mehr vollständig ab, die Selbstreinigung versagt und der Ertrag sinkt zusätzlich zum ohnehin reduzierten Nordniveau.
Prävention: Eine Mindestneigung von 7 bis 15° einplanen oder eine regelmäßige Reinigung fest einkalkulieren.
Fehler 3: Blendung der Nachbarschaft unterschätzt
Symptom: Nachbarn beschweren sich über reflektierendes Sonnenlicht von der Anlage.
Folge: Übersteigt die Blendung die Richtwerte des Länderausschusses für Immissionsschutz (LAI) von 30 Minuten pro Tag und 30 Stunden pro Jahr, droht ein Unterlassungsanspruch – das Landgericht München II verurteilte 2016 (Az. 1 O 2697/14) einen Betreiber wegen einer die LAI-Richtwerte deutlich überschreitenden Blenddauer zur Beseitigung.
Prävention: Bei kritischer Nachbarschaft ein Blendgutachten vor der Installation einholen und die Modulausrichtung anpassen.
Hinzu kommt die längere Amortisation: Wegen des geringeren Ertrags dauert es bei reiner Nordbelegung eher 12 bis 16 statt 8 bis 12 Jahre bis zum Break-even. Fremdfinanzierte reine Nordanlagen mit niedrigem Eigenverbrauch erzielen deshalb nur eine knappe Rendite – der Eigenverbrauch entscheidet über die Wirtschaftlichkeit.
Was sagen Studien und Praxiserfahrungen zur Nordseite?
Studien und Messdaten bestätigen: Nordanlagen liefern real 70 bis 75 Prozent des Südertrags und rentieren sich dank gefallener Modulpreise häufiger als früher. Das Fraunhofer ISE hält die Diversifizierung der Dachausrichtung ausdrücklich für ökonomisch sinnvoll.
Die belastbarste Datenquelle sind reale Anlagenerträge. Die EchtSolar-Auswertung von 443 Nordanlagen ergab einen mittleren spezifischen Ertrag von 734 kWh/kWp für die Jahre 2011 bis 2024. Einzelne Betreiber im Photovoltaikforum berichten von noch besseren Werten: Ein bayerisches Norddach mit 15° Neigung erreichte 2022 855 kWh/kWp, während das benachbarte Süddach 1.080 kWh/kWp lieferte – ein Nordanteil von 79 Prozent bei flacher Neigung.
Der durchschnittliche spezifische Ertrag aller Anlagen in Deutschland lag 2024 bei 881 kWh/kWp, im 14-Jahres-Mittel bei 965 kWh/kWp. Studien der HTW Berlin zeigen zudem, dass eine breitere Dachbelegung – einschließlich Ost-West- und Nordflächen – den Eigenverbrauch erhöht und die Erzeugung über den Tag glättet. In Kombination mit einem Batteriespeicher erreichen gemischt belegte Dächer Autarkiegrade von 70 bis 80 Prozent.
Wie entwickelt sich der Markt für Nordseiten-Photovoltaik?
Der Markt entwickelt sich zugunsten suboptimaler Ausrichtungen: Sinkende Modulpreise machen die Nordbelegung zunehmend wirtschaftlich. Solarmodule lagen 2026 deutlich unter dem Niveau von 2024, wodurch der Ertragsnachteil der Nordseite finanziell weniger ins Gewicht fällt. Seit April 2026 ziehen die Modulpreise zwar um 10 bis 15 Prozent wieder an, bleiben aber weiterhin unter dem Niveau von 2024.
Der Photovoltaik-Zubau in Deutschland lag 2025 laut BSW-Solar bei 17,5 GWp und damit etwa auf Vorjahresniveau; die gesetzlich verankerte Ausbauzielmarke für 2030 beträgt 215 GWp. Um diese Menge zu erreichen, gewinnen bislang ungenutzte Dachflächen an Bedeutung – und dazu zählen Norddächer. Je günstiger die Module, desto eher lohnt es sich, auch eine schwächere Fläche zu belegen, statt sie brachliegen zu lassen.
Zwei Entwicklungen verstärken den Trend. Erstens verschiebt der wachsende Eigenverbrauch mit Batteriespeichern und Wärmepumpen den Fokus von der reinen Ertragsmaximierung hin zur gleichmäßigen Eigenversorgung, für die eine breite Dachbelegung ideal ist. Zweitens sorgt das Solarspitzengesetz dafür, dass Anlagen mit weniger ausgeprägten Mittagsspitzen – wie Nord- und Ost-West-Anlagen – seltener von der Kappung bei negativen Strompreisen betroffen sind.
Häufige Fragen zu Photovoltaik auf der Nordseite
Lohnt sich Photovoltaik auf der Nordseite überhaupt?
Ja, bei flacher Dachneigung und hohem Eigenverbrauch lohnt sich die Nordseite. Ein flaches Norddach erreicht bis zu 85 Prozent des Südertrags, und dank Systempreisen um 1.015 €/kWp amortisiert sich die Anlage in etwa 11 bis 16 Jahren.
Wie viel Prozent Ertrag verliert eine Nordanlage?
Eine Nordanlage verliert je nach Neigung 15 bis 56 Prozent gegenüber Süd. Bei 10° Neigung sind es nur 24 Prozent Verlust, bei 45° Neigung 56 Prozent. Der Neigungswinkel ist der entscheidende Faktor.
Bekomme ich für Strom vom Norddach weniger Einspeisevergütung?
Nein, die Einspeisevergütung ist ausrichtungsunabhängig. Jede eingespeiste Kilowattstunde wird mit 7,78 ct/kWh (bis 10 kWp, Teileinspeisung, Juli 2026) vergütet, egal ob der Strom von einem Nord- oder Süddach stammt.
Welcher Neigungswinkel ist auf dem Norddach am besten?
Auf dem Norddach ist ein möglichst flacher Winkel am besten. Bei 10° Neigung erreicht die Anlage 76 Prozent, bei 45° nur 44 Prozent des Südoptimums. Ab 40° wird die Belegung meist unwirtschaftlich.
Bringt eine Nordanlage im Winter Strom?
Ja, aber wenig. Das Winterhalbjahr trägt rund 27 Prozent zum Jahresertrag bei, Dezember und Januar zusammen nur etwa 4 Prozent. Im Winter dominiert Diffuslicht, das Nord und Süd fast gleich trifft.
Kann ich meine volle Südseite um die Nordseite ergänzen?
Ja, und das ist oft besonders wirtschaftlich. Gerüst, Kabelwege und Wechselrichter-Reserve sind vorhanden, sodass nur die Grenzkosten für Module und Montage anfallen – vorausgesetzt, die Nordfläche erhält einen eigenen MPP-Tracker.
Fazit: Wann lohnt sich Photovoltaik auf der Nordseite?
Photovoltaik auf der Nordseite lohnt sich, wenn das Dach flach geneigt ist, der Strom überwiegend selbst verbraucht wird oder eine große ungenutzte Fläche vorliegt. Bei steilen Norddächern über 40° und niedrigem Eigenverbrauch ist sie dagegen selten sinnvoll.
Empfehlenswert: flaches Norddach oder Süd-Ergänzung
Für ein Norddach mit bis zu 20° Neigung liefert die Anlage 67 bis 85 Prozent des Südertrags – hier ist die Belegung fast immer wirtschaftlich. Ebenso lohnt die Nordseite als Ergänzung einer bereits vollen Südanlage, weil nur Grenzkosten anfallen und die zusätzliche Fläche den Eigenverbrauch stützt.
Bedingt empfehlenswert: mittlere Neigung mit Speicher
Bei 25 bis 35° Neigung (53 bis 62 Prozent Ertrag) rechnet sich die Nordseite vor allem mit Batteriespeicher und hohem Eigenverbrauch von 60 Prozent oder mehr. Ein 4-Personen-Haushalt mit Wärmepumpe und Elektroauto nutzt den Strom dann selbst und umgeht die niedrige Einspeisevergütung.
Nicht empfehlenswert: steiles Norddach ohne Eigenverbrauch
Ein Norddach mit 45° Neigung erreicht nur 44 Prozent des Südertrags. Wird der Strom überwiegend für 7,78 ct/kWh eingespeist und die Anlage fremdfinanziert, übersteigt die Amortisationszeit oft 16 Jahre – hier sind Süd- oder Ost-West-Flächen klar vorzuziehen.